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Ist Envestio ein Scam? Warum ich dort nicht investiere

scam

Hohe Risiken gehören beim Investieren in P2P-Kredite dazu. Doch auch in dieser Assetklasse gibt es Anlagen, die ein gutes Chancen-Risiko-Verhältnis aufweisen und jene, die zu große Risiken bergen. Dies zeigte nicht zuletzt durch der Fall Kuetzal. In diesem Artikel möchte ich die P2P-Plattform Envestio beleuchten, zu der auch in diesem Zusammenhang Vorwürfe laut wurden, es handele sich um einen Scam. Um es klar zu sagen: ich habe keine „Beweise“ für einen Scam, jedoch gibt es diverse Gründe, warum ich dort nicht investiere.

Update: Nachdem dieser Artikel in der dritten Kalenderwoche geschrieben wurde, hat sich die Nachrichtenlage vor der Veröffentlichung überschlagen. Für Investoren der Plattform sieht es nicht gut aus. Meine Voraussage #5 „Einige Fälle von Anlagebetrug werden aufgedeckt“ scheint sich zu bewahrheiten. Trotzdem halte ich den Artikel nach wie vor für äußerst relevant. Die zu beleuchtenden Aspekte sind auf jede andere Plattform übertragbar. Schaue ich mir die P2P-Plattformen im Bereich Businesskredite mit Zinssätzen um 20 %, so sind dort noch einige weitere Kandidaten die ähnlich kritisch aussehen. Investoren von Plattformen wie Fastinvest, monethera oder wisefund sollten sich hier ein eigenes Bild machen. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen die ein oder andere Plattform Kuetzal und Envestio folgen wird.

Investieren heißt Risiken managen

Die wesentliche Aufgabe eines Investors ist das Risiko-Management. Wir möchten unser Kapital in Anlagechancen investieren, die für ihre Risiken eine gute Rendite versprechen. Im Bereich der P2P-Kredite erzielen wir die Rendite mit den Zinsen. Auf der anderen Seite gibt es zwei Risikoarten, die wir besonders berücksichtigen müssen: das Plattform-Risiko und das Ausfallrisiko.

Entsprechend sollten wir vor der Investition in eine P2P-Plattform diese beiden Risiken untersuchen. Bei der Bewertung machen viele neue Investoren jedoch eine falsche Annahme. Der Grundsatz „In dubio pro reo“, also im Zweifel für den Angeklagten, ist zwar vor Gericht wichtig, beim Investieren aber falsch.

Geldanlage ist Vertrauenssache und Vertrauen muss erarbeitet werden. Sollte es Anzeichen geben, dass etwas „nicht stimmt“ („red flags“), so bleiben rationale Investoren einfach fern. Es gibt genug Alternativen, sodass einem nichts entgeht, bei einer Plattform nicht dabei zu sein.

Die P2P-Plattform Envestio

Auf den ersten Blick erscheint Envestio äußerst attraktiv. Zum aktuellen Zeitpunkt wirbt die Plattform mit einer durchschnittlichen Rendite von über 18 %. Ein wachsendes Angebot von Krediten sowie eine Mindestanlage von 1 € je Projekt machen den Einstieg einfach. Dazu ermöglicht die Buyback-Garantie gegen eine geringe Gebühr jederzeit den Ausstieg. Aber wer möchte das schon, bei einem solchen Zinssatz und nach eigener Aussage ausschließlich „premium investment projects“…

Finanzielle Situation

Was stört mich also an der Plattform? Für die Einschätzung des Plattform-Risikos ist Transparenz über die finanzielle Situation essenziell. Im Fall eines Bankrotts hat man zum einen Ärger, Zinsen bestehender Kredite zu erhalten und die Buyback-Garantie ist auch nichts wert. Auch Envestio erkennt Transparenz als wichtig an:

You never make a successful business with people or organization you don’t fully trust, so, transparent business culture of is one of Envestio’s key values.

Envestio Website

Doch außer diesem Zitat finden sich keine Fakten, die wirklich Transparenz schaffen. Ein „Loan book“, welches die wesentlichste Bilanzposition einer P2P-Plattform transparent macht – Fehlanzeige! Auch Informationen zu Bilanz und GuV, idealerweise durch einen Wirtschaftsprüfer geprüft, sind nicht zu finden. Fakt ist: Die finanzielle Situation der Plattform ist eine Blackbox.

Operations

Wie sieht es im operativen Bereich aus? Das Kredit-Portfolio ist extrem heterogen, von klassischen Entwicklungsprojekten im Immobilienbereich, über Rohstoffabbau und Krypto-Mining bis zum Factoring im Bereich Früchte und Biomasse. All diese Projekte werden intensiv geprüft:

We offer to our investors only premium level investment opportunities, which were extensively studied and checked by our expert team, and most comfortable virtual working environment.

Envestio Website

Hier stellt sich mir natürlich die Frage, wer diese Prüfung durchführt? Einen Experten für die Bewertung für Immobilienprojekte kann ich mir gut vorstellen. Für ein so heterogenes Projektportfolio bräuchte man aber eher ein Team bestehend aus einem Dutzend Experten, wenn man eine echte Due Dilligence durchführt. Doch soviel Mitarbeiter hat die Plattform nicht einmal in Summe…

Ein weiterer Aspekt, der mir nicht koscher erscheint, ist die Buchung der Zinsen. Bisher wurden alle Zinszahlungen pünktlich auf die Investorenkonten gebucht. Perfekt! Oder vielleicht zu perfekt? Wie wahrscheinlich ist es, dass jeder Kreditor, auf den Tag genau, jede einzelne Rate und dies auch an Wochenenden pünktlich überweist? Entweder das Envestio-Team ist einfach perfekt, indem es nur Top-Kreditnehmer die immer pünktlich zahlen und dann noch Zinssätze von 20 % hinnehmen findet, oder die Buchungen haben nichts mit den eigentlichen Zinszahlungen der Kreditnehmer zu tun und was wirklich passiert ist für Investoren eine Blackbox.

Management Team

Neuer Eigentümer und Vorstandsumbau

Neben den Finanzen und den operativen Prozessen werfe ich auch immer einen Blick auf das Führungsteam. Und hier gab es größere Änderungen. Zum einen wurde die Plattform an Herrn Ganzin verkauft, der nun auch gleichzeitig CEO ist. Viel ist nicht über die Person bekannt und natürlich gibt es von Envestio kaum Informationen. Die Vita zeigt, dass Herr Ganzin lange Jahre im Risk Management bei deutschen Banken tätig war, seit 2016 jedoch unternehmerisch tätig wurde. Dies kann auf einen Fachexperten, der jetzt den Markt disruptiv ändern möchte hindeuten; aber auch auf jemanden, der als Front für zweifelhafte Geschäfte verwendet wird. Hier fehlen uns Informationen für eine bessere Einschätzung der Lage.

Kritisch sehe ich auf jeden Fall den (vorübergehenden) Wechsel des COO. Zum einen sind solche Wechsel für die Entwicklung von jungen Unternehmen selten positiv. Der ehemalige COO Kukin wurde von Herrn Ritsmann abgelöst. Dies ist jedoch mittlerweile obsolet, da nach Aufruhr seitens einiger Investoren über die Person Ritsmann nun Herr Kukin wieder das Amt des COO innehat. Solche Wechselspielchen erwecken auf jeden Fall nicht den Eindruck, dass hier jemand eine klare Vision für Envestio hat und umsetzt.

Herr Ritsmann

Doch was ist aus dem besagten Herrn Ritsmann geworden? Dieser wurde zum „Head of Sales“ und verkaufen kann er… Die oben angesprochene Aufruhr kam nämlich zustande, da ein Video aufgetaucht ist, indem Hr. Ritsmann für den Verkauf von Perpetuum Mobile auf einer Veranstaltung des Roy Clubs (ein russisches Schneeballsystem) war. Auf Nachfrage von Investoren beteuerte Hr. Ritsmann, dass das Projekt ein Privatinteresse war.

Mir ist es egal, ob er privat oder beruflich auf der Veranstaltung teilnahm. Entweder er wusste von dem Nicht-funktionieren des Produkts Bescheid und bewarb es doch – dann ist er schlicht ein Betrüger. Oder er wusste nicht, dass eine Maschine die mehr Energie ausspuckt als ihr zugefügt wird physikalisch unmöglich ist. Dann ist er auf jeden Fall nicht geeignet, die Due Dilligence für Geschäftskredite durchzuführen und sollte niemals eine Position mit Entscheidungsgewalt darüber innehaben.

Investieren in Kredite auf Envestio

Nehmen wir an, ich vertraue auf die Plattform und halte das Management-Team für vertrauenswürdig. Bei Zinsen von knapp 20 % kann es sich ja trotzdem lohnen, wenn man die Due Dilligance selbst macht und sich nur die soliden Kredite heraussucht. Schauen wir uns daher einmal die fünf zu finanzierenden Kredite zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels an.

Versuch der Due Dilligance für fünf Kredite

Factoring wholesale und Biomass fuel-Factoring

Laut Envestio ist der Zweck der Kredite ein „Factoring-type financing“. Beim Factoring wird ein Kredit durch eine Rechnung besichert. Dies ist hier jedoch nicht der Fall. Man muss sich schon fragen: Warum zahlt ein Unternehmen einen Zinssatz von 20,5 %, wenn es echte Factoring-Kredite weitaus günstiger und ebenso unkompliziert gibt?

New Urban Mining

Wie bei allen Krediten fehlen auch hier essenzielle Informationen wie Bilanz und GuV des Kreditnehmers. Schaut man auf Auszüge der Wirtschaftsaufkunft, findet man heraus, dass es negative Einträge in Kredithistorie des Unternehmens gibt.

Global Data Solutions

Das ist bereits die Dritte Charge des Unternehmens, jeweils mit 500.000 €. Was macht das Unternehmen TogetherData mit 1,5 Mio. €? Laut Beschreibung werden davon „Server equipment“ gekauft und die „Research operations“ finanziert. Server Equipment in Zeiten von Cloud Computing, wo ich Rechen- und Speicherkapazität günstig wie nie abrufen und beliebig skalieren kann? Hier würde mich schon interessieren, was für ein Rechner das sein soll. Ebenso spannend finde ich, dass Forschung, bei der man per Definition nicht mit Umsatz-wirksamen Ergebnissen rechnen kann, finanziert wird. Hier dürfen Investoren hoffen, dass die Geschäftstätigkeit bis zur Fälligkeit des Kredits noch aufrecht ist und genug Geld abwirft um Zinsen und Kapital zurückzuzahlen.

Materials for the construction of roads and technical salts

Die Beschreibung klingt nach einem sicheren Geschäft: für den nächsten Winter werden Salze gekauft, die durch die Marktposition des Unternehmens locker abgesetzt werden. Hier fehlt mir eindeutig das Branchen-Know-How, allerdings frage ich mich schon, warum eine solche Firma hier keinen Kredit bei einer lokalen Bank für die Hälfte des Zinssatzes erhält. Viele andere Unternehmenskredite scheitern bei Banken wegen Kurzfristigkeit und geringem Volumen. Das ist hier nicht der Fall und eigentlich sollte ein Unternehmen wie hier dargestellt locker reguläre Bankkredite zu weitaus besseren Konditionen erhalten.

Ohne Transparenz bleiben Fragen offen

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass aufgrund fehlender Transparenz bei jedem Kredit Fragezeichen bestehen bleiben. Es ist durchaus möglich, dass es gute Gründe für die Kredite gibt – nur kann man dies von außen definitiv nicht nachvollziehen.

Fazit: Ist Envestio ein Scam?

Kommen wir zur wesentlichen Frage zurück: ist Envestio ein Scam? Hierzu kann ich keine stichhaltigen Beweise liefern. Trotzdem würde ich niemals bei der Plattform anlegen. Man investiert hier nicht in Kredite, sondern kauft die Katze im Sack. Intransparenz dient bei Scams als Mittel, möglichst wenige Fakten nachvollziehbar und damit überprüfbar zu machen. Und Envestio ist in Bezug auf Transparenz unterirdisch schlecht. Dazu kommt noch die ein oder andere Unstimmigkeit („red flags“).

Dies führt dazu, dass es sich nicht mehr um Investieren, sondern um Wetten handelt. Der Anleger wettet darauf, dass die Plattform schon in Ordnung ist und bei den Krediten wenig schwarze Schafe dabei sind. Und diese Wette kann sehr teuer werden, wenn man daneben liegt.

Viele bei Envestio aktive „Anleger“ argumentieren, dass die Plattform bisher immer zahlte und alles ordentlich ablief. Vielleicht ist die Plattform auch nur extrem naiv in Bezug auf die für Investoren relevanten Informationen im Kreditgeschäft und arbeitet aber mit guten Kreditnehmern zusammen. Vielleicht gibt es aber auch einige Luftnummern im Portfolio. Solange mehr Investorenkapital auf die Plattform kommt als abfließt, sind alle Zahlen nur virtuelle Beträge. Auch Kuetzal konnte ohne Probleme einzelne Investoren auszahlen und hatte voraussichtlich kein einiges echtes Projekt. Wenn der Zufluss jedoch versiegt und mehrere Projekte fällig werden, wird sich zeigen wieviel Substanz die Plattform wirklich hat. Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dies dann von der Seitenlinie beobachten zu können.

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