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Die neue Pending Payments Funktion bei Mintos

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Anfang Dezember führte die europäische P2P-Kreditplattform Mintos eine neue Funktion namens „Pending Payments“ ein (siehe Mintos Blog). Insbesondere zwischen den Jahren finden sich sehr viele kritische Forum-Posts zu diesem Thema. Gleichzeitig ist aus den Beiträgen jedoch auch zu erkennen, dass viele Investoren nicht wirklich verstanden haben, was genau Pending Payments sind, warum sie eingeführt wurde und was dies für uns Investoren heißt. In diesem Artikel werden wir auf diese Fragen im Detail eingehen.

Update 30.12.2019: Die Plattform Viventor hat angekündigt, eine analoge Funktion namens „Funds in Transit“ einzuführen.

Was genau sind Pending Payments?

Um zu verstehen, was man unter Pending Payments versteht, hilft es, den Prozess beim Investieren in einen Kredit sowie bei einer (Teil-)Rückzahlung zwischen den verschiedenen Beteiligten zu veranschaulichen. Hierbei schauen wir  insbesondere den notwendigen Geldfluss zwischen der Plattform, d. h. Mintos, sowie dem Anbahner an.

Wenn wir in einen Kredit am Primärmarkt investieren, muss Mintos dies in ihren internen Systemen entsprechend verbuchen. Das verfügbare Kapital wird zugunsten des neuen Kredits reduziert. Ebenso muss Mintos anschließend den investierten Betrag an den Darlehensanbahner überweisen.

Ähnlich verhält es sich, wenn der Anbahner eine Zahlung vom Kreditnehmer erhält. Gemäß dem Anteil, der über die Plattform finanziert wurde, muss ein Teil der Zahlung nun an Mintos überwiesen werden.

Unterschied zwischen Geld- und Informationsfluss

Auch in Zeiten von schnellen SEPA-Überweisungen mit einer Frist von einem Bankarbeitstag ist das System für den Zahlungstransfer relativ träge. Ebenso möchte man nicht für jede Zinsrückzahlung von teilweise wenigen Cents eine eigene Überweisung durchführen. Entsprechend gibt es ein zweiteiliges System:

  1. Der Informationsaustausch über die Daten-Schnittstelle zwischen Mintos und Anbahner erfolgt direkt. Sobald wir einen Kredit kaufen wird der Anbahner darüber informiert. Ebenso erhält Mintos direkt eine Nachricht, sobald eine Zahlung eines Kreditnehmers beim Anbahner eintrifft.
  2. Der Geldtransfer erfolgt gebündelt in einem Netto-Verfahren. Dies bedeutet, dass alle Informationen zu Neuinvestitionen und Zinszahlungen sowie Tilgungen an einem Tag gesammelt werden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgt dann ein „Kassensturz“: je Anbahner wird geschaut, wie viel Kreditinvestitionen insgesamt am Tag anfielen und welche Zahlungen vom Anbahner avisiert wurden – das Delta aus diesen beiden Summen ist dann der Betrag, der zwischen Mintos und Anbahner überwiesen wird.

Dieses zweiteilige System hat den Vorteil, dass es effizient (wenige Überweisungen) und gleichzeitig schnell und transparent ist (direkte Information). Im besten Fall entspricht die Anzahl von Neuinvestitionen in die Kredite eines Anbahners genau den zurückfließenden Zinsen und Tilgungen, sodass gar kein Geldtransfer notwendig ist.

Warum wurde Pending Payment jetzt eingeführt?

Vor der Einführung der Funktion haben wir als Investoren immer nur den Informationsfluss gesehen. Sobald der Kreditanbahner beispielsweise die vollständige Rückzahlung eines Kredits, in den wir investiert haben, an Mintos gemeldet hat, wurde das gebundene Kapital frei und stand uns für Folgeinvestitionen bereit. Der wirkliche Ausgleich der Zahlungen zwischen Mintos und Anbahner erfolgte dann für uns unsichtbar.

Solange dieser Geldtransfer auch immer erfolgt ist, war dies kein Problem – doch dann zeigte sich bei Aforti die große Schwäche des Systems. Der Kreditanbahner geriet in finanzielle Schwierigkeiten und der Ausgleich der Zahlungen (von Aforti an Mintos) erfolgte mehrere Tage nicht. Durch die Meldung „Der Kreditnehmer hat seinen Kredit getilgt“ wurden Gelder von Mintos freigegeben (und von Investoren wieder direkt reinvestiert), die jedoch dann nicht an Mintos überwiesen wurden. Dadurch bauten sich größere Rückstände und ein finanzielles Risiko für Mintos auf.

Noch immer verhandelt Mintos mit Aforti über den Ausgleich der noch offenen Zahlungen. Gleichzeitig wurde der P2P-Plattform über diesen Fall klar, dass der Ausfall eines Darlehensanbahners nicht nur ein Umsatzrisiko für Mintos darstellt (Anbahner zahlen der Plattform Gebühren für die Nutzung des Marktplatzes), sondern wesentlich kritischere finanzielle Folgen haben kann.

Um dies in Zukunft zu vermeiden wurde die Funktion Pending Payments eingeführt. Als Investoren haben wir weiterhin Transparenz über den direkten Informationsfluss. Gleichzeitig sehen wir jetzt aber auch, ob der Zahlungsausgleich erfolgt ist, oder ob es hier noch Rückstände gibt. Erst nach einem Ausgleich der Zahlung (direkt durch Überweisung vom Anbahner oder indirekt durch Verrechnung mit der Bereitstellung von Kapital für neue Kredite anderer Investoren) steht uns das Geld für Reinvestitionen zur Verfügung.

Bewertung der Funktion

Was heißt die Einführung von Pending Payments nun für uns als Investoren? Auf der einen Seite hat die Funktion negative Auswirkungen. Letztlich verlagert Mintos das Risiko, dass der Kreditnehmer eine Ausgleichszahlung an den Anbahner durchführt, dieser aber die Zahlung nicht mehr an uns weiterleitet, vollständig auf uns. Hierzu ist jedoch zu sagen, dass wir dies generell als Teil des Ausfallrisikos des Anbahners sehen müssen – Mintos hat sich daher eher aus dem Risiko herausgenommen, als es auch uns zu übertragen. Ebenso führt die Funktion zu einer geringeren Effizienz bei Reinvestitionen. Während vorher unser Geld direkt nach einer Rückzahlungsmeldung in den nächsten Kredit wandern und für uns arbeiten konnte, liegt es heute ggf. kurze Zeit „untätig“ als ausstehende Zahlung herum. Dies könnte die effektive Rendite insbesondere bei sehr kurz laufenden Krediten beeinträchtigen.

Auf der positiven Seite sind zum einen die erhöhte Transparenz zu nennen. Wir sehen nun neben dem Informations- auch den Zahlungsfluss und können darüber auch Schlussfolgerungen über die Qualität der Prozesse unterschiedlicher Darlehensanbahner machen. Wichtig dabei ist jedoch das Verständnis, dass der absolute Betrag wenig aussagekräftig ist und ein Pending Payment in vielen Fällen „normal“ ist. Insbesondere über die Weihnachtsfeiertage, an denen auch Banken geschlossen haben, konnten gesteigerte ausstehende Zahlungen beobachtet werden – dies ist jedoch auch zu erwarten. Kritisch ist hingegen, wenn Kredite viele Tage im Bereich der ausstehenden Zahlungen verbleiben.

Daneben zeigt die Einführung der Pending Payment Funktion, dass Mintos aus den Versäumnissen gelernt hat. Durch den Aforti-Fall gab es für die Plattform finanziell höchstwahrscheinlich ein blaues Auge, jedoch hat sie ihre Lektion gelernt. Und letztlich profitieren auch wir Investoren davon, wenn eine Plattform stabil gegen Ausfälle von Darlehensanbahnern ist.

Handlungsempfehlungen

Werden wir als Investoren durch die Einführung der Pending Payment Funktion benachteiligt und sollten die Plattform wechseln? Wenn man einigen Foren-Beiträgen glaubt, steht der Untergang von Mintos durch Pending Payments kurz vor der Tür! Doch diesen Beiträgen sollten wir nicht glauben!

Wenn ich heute vom Girokonto Geld auf ein Tageskonto überweise, es dort für 30 Tage investiert lasse und dann wieder zurück überweise, ist mein Kapital auch im Schnitt zwei Tage zinslos unterwegs (zurzeit wird man nicht einmal die 30 Tage nennenswert Zinsen bekommen…). Nichts anders verhalten sich die ausstehenden Zahlungen bei Mintos.

Entsprechend sehe ich keinen direkten Handlungsbedarf für rationale Investoren. Wir sollten die Information, wie viele Zahlungen ausstehend sind, im Blick behalten und sofern der Anteil am Portfoliogesamtwert zu groß wird einmal im Detail prüfen, ob wir hinreichend diversifiziert sind (unterschiedliche Anbahner und Kreditlaufzeiten).

Erst wenn Kreditzahlungen eines Anbahners in größerem Ausmaß und über mehrere (Bankarbeits-)Tage ausstehend bleiben würde ich mir Gedanken machen und den Anbahner erneut auf den Prüfstand stellen – eine gute Zahlungsmoral sollten wir nicht nur von den Kreditnehmern, sondern auch vom Kreditanbahner erwarten.

  1. Hallo Thorsten,
    Danke für diesen Artikel. Hatte das meiste zu diesem Thema schon vorher verstanden, aber Du hast es jetzt nochmal auch für mich verständlich rübergebracht.
    Gruß
    Matthias

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